Oft wird der Tischlermeister aus Bergkamen gefragt, ob er sein Fahrrad selbst gebaut habe. Der Rahmen wäre machbar, doch bei den anderen Komponenten wird es kompliziert. FOTO Katrin Popenda

 

Günter Leidecker: „Ich wollte ein nachhaltiges Rad“


Ein Fahrrad aus Holz? Günter Leidecker ist überzeugt. Der Tischlermeister aus Bergkamen lebt Nachhaltigkeit – auch auf zwei Rädern. Wer Günter Leidecker auf seinem Fahrrad sieht, schaut meist ein zweites Mal hin. Denn der Rahmen des Fahrrads ist nicht aus Metall, sondern aus Holz.

Leidecker ist Tischlermeister in Bergkamen. Holz ist aber nicht nur Teil seines Berufslebens, sondern auch Ausdruck seiner Überzeugung. „Wenn das gehen würde, wäre mein Herz aus Holz“, sagt der 59-Jährige.


Seit 42 Jahren arbeitet Leidecker mit dem Material, seit 16 Jahren ist er selbstständig. Dass er irgendwann auf einem Fahrrad aus Holz sitzen würde, überrascht ihn rückblickend kaum. „Durch meinen Beruf bin ich auf die Suche gegangen“, sagt er. Andere Modelle aus Bambus hätten ihn nicht überzeugt, erst dieses Rad habe für ihn gepasst – „vom Design her und vom Material“.


Mit gutem Gefühl
Vor vier Jahren kaufte er das E-Bike. Innen besteht der Rahmen aus Multiplex, außen aus Kernesche aus österreichischen Wäldern. Gerade diese Herkunft war ihm wichtig. „Ich bin ein Regionalist“, sagt Leidecker. „Ich will wissen, wo die Sachen herkommen, die ich kaufe oder benutze“. Nicht nur bei der Wahl seines Fahrrads kommt diese Haltung zum Tragen. Samstags beginnt sein Tag oft mit einer Tour zur Metzgerei, später geht es zum Hofladen. Milch, Obst, Gemüse – aber möglichst saisonal. „Im Winter kaufe ich keine Tomaten“, sagt er, denn da ist klar: deren Weg ist weit. So wollte er auch bei seinem Fahrrad ein gutes Gefühl haben.


Aber überzeugt das Holzrad auch im alltäglichen Gebrauch? Rund 19 Kilogramm wiegt das Rad, der Akku ist vergleichsweise klein. Je nach Fahrweise schafft er mit einer Ladung um die 30 Kilometer, manchmal deutlich mehr. Oft fährt Leidecker trotzdem ohne Unterstützung. Für Kundentermine im näheren Umkreis nutzt er es regelmäßig. „Alles, was so fünf, sechs Kilometer entfernt ist, fahre ich damit an“, sagt er. „Über die Trasse ist das alles relativ schnell erreichbar“


Fragen zu seinem Rad hört er oft: Was ist mit Regen, Haltbarkeit oder dem Holzwurm? Leidecker reagiert gelassen. „Es gibt Häuser, die haben Fenster aus Holz“, sagt er. Wenn Beschichtung und Verarbeitung stimmen, sei das Material im Außenbereich kein Problem. Auch an der Stabilität zweifelt er nicht: „Die ist absolut gegeben. Das ist ebenbürtig mit Metall – wenn nicht noch mehr.“ Die Reaktionen auf sein Rad seien meist positiv. Nur eines habe er nicht erlebt: „Es kam nie die Rückfrage: ,Wo kann ich’s denn kaufen?‘“, erzählt er. „Es bleibt halt eine Nische.“


Mit realistischem Blick
Fast 5000 Kilometer hat er inzwischen mit dem Rad zurückgelegt. Kleinere Probleme habe es nur kurzzeitig gegeben, etwa anfangs mit dem Motor oder später mit der Beleuchtung. Dabei habe er stets nach Lösungen gesucht, statt sich vorschnell ein neues Rad andrehen zu lassen. „Ich wollte ein nachhaltiges Rad, da kaufe ich nicht alle paar Jahre ein Neues“, sagt er.
Fachlich schaut er mit einem anderen Blick auf das Rad. Den Holzrahmen könnte er im Prinzip selbst herstellen, sagt der Tischlermeister. Schwierig wird es bei den Bauteilen, die man dazukaufen muss, wie Motor, Schaltung, Verbindungen. Mit rund 4000 Euro falle das Modell aber aus seiner Sicht noch nicht unter die hochpreisigen E-Bikes. Das Fahrrad ist bei ihm nicht bloß ein Gegenstand. Es steht für seine Entscheidung, bewusst langlebige und nachhaltige Dinge nutzen zu wollen. Gleichzeitig blickt er realistisch auf das, was möglich ist. Etwa Kleidung aus Holzfasern trägt er. Manche Produkte seien aber schlichtweg nicht regional zu bekommen oder deren Herkunft bleibt unklar. „Es gibt Fälle, da kommt man nicht um China drum herum. Da sind wir schon sehr abhängig geworden“, sagt Leidecker und bedenkt zugleich, dass letztlich jeder an der Weltwirtschaft dranhänge. „Aber wenigstens im kleinen Rahmen und wann immer es geht, kann ich bewusst überlegen, wo ich was herhole.“